Marktdaten kommen nicht kontinuierlich, sondern in Paketen. Fällt eine Verbindung aus, ein Anbieter drosselt, oder eine Börse pausiert den Handel, entsteht eine Lücke. Der Unterschied zwischen einem robusten und einem fragilen System liegt darin, ob diese Lücke bemerkt wird — nicht darin, ob sie vorkommt.
Vier Arten von Lücken, die sich verschieden anfühlen
- Keine Daten: Die Verbindung bricht ab, es kommt nichts mehr. Am leichtesten zu erkennen.
- Alte Daten: Die Verbindung steht, die Werte ändern sich aber nicht mehr. Am schwersten zu erkennen.
- Löchrige Historie: Einzelne Intervalle fehlen, der Rest sieht normal aus.
- Nachgelieferte Daten: Fehlende Werte kommen verspätet und in falscher Reihenfolge.
Der zweite Fall ist der teuerste. Ein System, das auf einen unveränderten Kurs schaut, hält den Markt für ruhig — und genau in dieser vermeintlichen Ruhe entstehen Positionen, die auf einer Momentaufnahme von vor zehn Minuten beruhen.
Die wichtigste Einzelmaßnahme ist ein Alterswert an jedem Datenpunkt: Wie alt ist dieser Kurs? Ohne diese Angabe kann ein System zwischen „ruhiger Markt“ und „tote Verbindung“ nicht unterscheiden — und beide Zustände sehen in der Auswertung identisch aus.
Erkennen, bevor gehandelt wird
Sinnvoll ist eine Prüfung, die vor jeder Entscheidung läuft und nicht als nachträgliche Auswertung:
- Alter des letzten Werts gegen eine Obergrenze, die zum jeweiligen Markt passt.
- Erwartete Anzahl Intervalle im betrachteten Zeitfenster gegen die tatsächlich vorhandene.
- Zeitstempel-Reihenfolge — Werte, die rückwärts laufen, deuten auf Nachlieferungen hin.
- Quervergleich mit einer zweiten Datenquelle, zumindest stichprobenartig.
- Unveränderte Werte über mehrere Intervalle, obwohl Handelszeit ist.
Was bei erkannter Lücke passieren sollte
Die naheliegende Reaktion — Lücke überspringen und weitermachen — ist meist die falsche. Sinnvoller ist eine abgestufte Reaktion, die den riskantesten Teil zuerst abschaltet:
- Keine neuen Positionen eröffnen, solange die Datenlage unklar ist.
- Bestehende Absicherungen weiterlaufen lassen — sie sind gerade dann wichtig.
- Nicht rückwirkend nachhandeln, wenn die Daten wieder da sind. Signale aus der Lücke sind keine Signale mehr.
- Zustand protokollieren, damit die spätere Auswertung die Lücke sieht und nicht als Handelsentscheidung deutet.
Rückwirkung auf die Auswertung
Lücken verzerren jede nachträgliche Betrachtung in eine bestimmte Richtung: Sie fehlen typischerweise in den unruhigsten Phasen, weil dort die meisten Anbieter überlastet sind. Eine Historie ohne diese Phasen sieht ruhiger aus als der Markt war — und jede daraus abgeleitete Erwartung ist zu optimistisch.
Warum die Qualität historischer Kursdaten für jede Auswertung entscheidend ist, behandelt der Beitrag zur Datenqualität im Backtest.
Handelspausen sind keine Lücken
Eine wichtige Unterscheidung: Nicht jede fehlende Datenreihe ist ein technischer Fehler. Börsen haben Handelszeiten, es gibt Feiertage, Auktionsphasen und angeordnete Unterbrechungen. Ein System, das diese Zustände nicht kennt, meldet in jeder Nacht einen Ausfall und erzeugt genau die Alarmmüdigkeit, die später die echte Störung verdeckt.
Nötig ist deshalb ein Handelskalender je Markt: Wann wird gehandelt, wann nicht, welche Tage entfallen. Erst gegen diesen Kalender lässt sich beurteilen, ob eine Lücke erwartbar oder auffällig ist. Ohne ihn ist jede Überwachung entweder zu laut oder zu leise.
Der Zustand nach der Wiederherstellung
Wenn die Verbindung zurückkommt, ist der gefährlichste Moment noch nicht vorbei. Das System kennt jetzt wieder Kurse, aber seine interne Sicht — offene Positionen, gesetzte Absicherungen, gemerkte Zustände — stammt vom Zeitpunkt vor dem Ausfall.
Sinnvoll ist deshalb ein ausdrücklicher Abgleich vor der Wiederaufnahme: Welche Positionen bestehen tatsächlich beim Gegenpart, welche Aufträge sind noch offen, stimmt der interne Stand mit dem externen überein? Erst wenn beide Sichten übereinstimmen, darf wieder gehandelt werden. Diese Prüfung wird häufig ausgelassen, weil sie nach dem Ende der Störung überflüssig wirkt.
Der Grundsatz
Ein System sollte im Zweifel nichts tun. Das klingt banal, ist aber die Regel, gegen die am häufigsten verstoßen wird — weil Nichthandeln sich wie ein Fehler anfühlt und im Nachhinein nie belohnt aussieht. Bei fehlenden Daten ist es trotzdem die einzige Entscheidung, die man mit unvollständigen Informationen verantworten kann.