Das Missverständnis mit der Trefferquote
Die Trefferquote ist die intuitivste Kennzahl im Trading — und genau deshalb die gefährlichste. Eine Strategie, die neun von zehn Trades gewinnt, fühlt sich überlegen an. Ob sie tatsächlich profitabel ist, hängt aber davon ab, wie groß der eine Verlust im Verhältnis zu den neun Gewinnen ausfällt. Wer neun Mal je 10 Euro gewinnt und ein Mal 150 Euro verliert, hat trotz 90 % Trefferquote unter dem Strich Geld verloren. Umgekehrt kann eine Strategie mit nur 35 % Gewinn-Trades hochprofitabel sein, wenn die Gewinner im Schnitt deutlich größer sind als die Verlierer.
Die Formel hinter dem Erwartungswert
Der Erwartungswert (englisch: Expectancy) beantwortet die entscheidende Frage: Was bringt ein durchschnittlicher Trade dieser Strategie — über viele Wiederholungen gerechnet? Die Formel ist simpel:
- Erwartungswert = (Trefferquote × durchschnittlicher Gewinn) − (Verlustquote × durchschnittlicher Verlust)
- Beispiel A: 90 % × 10 € − 10 % × 150 € = 9 € − 15 € = −6 € pro Trade — langfristig ein Verlustgeschäft
- Beispiel B: 35 % × 60 € − 65 % × 20 € = 21 € − 13 € = +8 € pro Trade — trotz mehrheitlich verlorener Trades positiv
Erst ein positiver Erwartungswert nach allen Kosten — Gebühren, Slippage, Funding — macht eine Strategie überhaupt diskussionswürdig. Wichtig: Der Erwartungswert beschreibt vergangene Daten. Er ist eine Schätzung, keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.
Viele unseriöse Bot-Anbieter werben gezielt mit hohen Trefferquoten, weil sich die Zahl gut verkauft. Die durchschnittliche Verlustgröße — der zweite Teil der Rechnung — taucht in der Werbung selten auf. Genau dort steht, ob das System trägt.
Warum Bots mit negativem Erwartungswert lange gut aussehen
Strategien wie das Verkaufen weit entfernter Optionen oder aggressives Nachkaufen in Verlustpositionen erzeugen typischerweise viele kleine Gewinne und seltene, große Verluste. Ein solcher Bot kann monatelang eine makellose Kurve zeigen — bis der eine Ausreißer die aufgelaufenen Gewinne und mehr auslöscht. Wer nur auf Trefferquote und Kontostand-Historie schaut, erkennt dieses Profil nicht. Wer den Erwartungswert zusammen mit der Verteilung der Einzeltrades betrachtet, sieht das Risiko sofort: wenige, aber extreme Ausreißer auf der Verlustseite.
Stichprobengröße: die unterschätzte Fehlerquelle
Ein Erwartungswert aus 30 Trades ist Rauschen, keine Kennzahl. Kleine Stichproben streuen enorm — ein paar glückliche Trades verschieben das Ergebnis komplett. Belastbar wird die Schätzung erst über viele Trades hinweg, idealerweise verteilt über unterschiedliche Marktphasen: Trend, Seitwärtsbewegung, hohe und niedrige Volatilität. Deshalb gehört der Erwartungswert nicht nur in den Backtest, sondern ins laufende Monitoring des Live-Betriebs. Driftet er über Wochen nach unten, ist das ein früheres Warnsignal als jeder Drawdown-Alarm.
Erwartungswert im Zusammenspiel mit anderen Kennzahlen
Der Erwartungswert sagt, ob eine Strategie im Mittel trägt — nicht, wie schmerzhaft der Weg dorthin ist. Dafür braucht es die Nachbarn: Maximum Drawdown für den tiefsten Einschnitt, Sharpe Ratio für die Schwankung, Trade-Frequenz für die Frage, wie schnell sich der statistische Vorteil überhaupt materialisieren kann. Eine Strategie mit kleinem positivem Erwartungswert und hoher Frequenz kann attraktiver sein als eine mit großem Erwartungswert, die nur wenige Trades pro Jahr liefert — vorausgesetzt, die Kosten pro Trade fressen den Vorteil nicht auf.