Ein Markt ist nicht rund um die Uhr derselbe Markt. Zwischen der ruhigen Nachtphase und der Überlappung der großen Handelszeiten liegen Welten: andere Liquidität, andere Spreads, andere Teilnehmer. Ein Bot, der überall dieselbe Regel anwendet, handelt faktisch in mehreren verschiedenen Umgebungen — und wundert sich über instabile Ergebnisse.
Was sich über den Tag tatsächlich ändert
- Liquidität: In liquiden Phasen liegt mehr Volumen nah am besten Kurs. Dieselbe Ordergröße bewegt den Markt weniger, die Ausführung liegt näher am erwarteten Preis.
- Spread: In dünnen Phasen weitet sich die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs. Bei kleinen Zielgewinnen frisst das die Kalkulation auf, bevor die Strategie überhaupt recht bekommen kann.
- Volatilität: Bewegungsintensität schwankt systematisch. Ein Stop, der in ruhigen Stunden vernünftig sitzt, wird in bewegten Phasen zum Zufallsgenerator — und umgekehrt.
- Ereignisdichte: Rund um planbare Termine ändert sich das Verhalten schlagartig; Spreads weiten sich, Ausführungen rutschen.
Für die Auswertung heißt das: Kennzahlen sollten nicht nur global, sondern nach Zeitfenstern getrennt betrachtet werden. Wer Trefferquote, mittleren Gewinn je Trade und Slippage je Stunde oder je Session aufschlüsselt, sieht in der Regel sehr deutliche Unterschiede.
Ein Sessionfilter verbessert selten die Idee einer Strategie. Er entfernt die Umgebungen, in denen die Idee strukturell nicht funktionieren kann — das ist etwas anderes und deutlich robuster.
Die Grenze zum Overfitting
Genau hier beginnt das Risiko. Ein Filter wie „handle nur, wenn der Spread unter einem definierten Schwellenwert liegt" hat eine marktstrukturelle Begründung: Er beschreibt eine Kostenbedingung, unter der die Strategie nicht arbeiten kann. Ein Filter wie „handle nicht dienstags zwischen 11 und 13 Uhr" hat keine — er beschreibt nur, wo die Vergangenheit unangenehm war. Der erste überlebt neue Daten, der zweite meistens nicht.
Ein brauchbarer Test: Lässt sich der Filter in einem Satz begründen, ohne auf das Backtest-Ergebnis zu verweisen? Wenn nicht, gehört er nicht ins Regelwerk. Wie systematisch sich solche Effekte prüfen lassen, beschreibt der Beitrag zur Walk-Forward-Analyse.
Zeitzonen, Umstellungen und andere Fallen
Zeitfilter sind technisch fehleranfällig. Die häufigsten Stolpersteine im Bot-Betrieb:
- Zeitzonen-Mismatch: Börsendaten in einer Zone, Serverzeit in einer anderen, Backtest in einer dritten. Ergebnis: Der Filter greift live um Stunden versetzt.
- Sommer-/Winterzeit: Feste Uhrzeiten verschieben sich relativ zum Markt zweimal im Jahr. Sinnvoll ist die Referenz auf die Marktzeitzone, nicht auf die lokale.
- Offene Positionen am Fensterrand: Wenn der Einstieg im erlaubten Fenster liegt, der Ausstieg aber danach — ist das gewollt? Diese Regel muss explizit definiert sein, sonst entscheidet der Zufall.
- Durchgehende Märkte: Bei Instrumenten ohne Schlusszeit gibt es keine natürliche Tagesgrenze. Der Tageswechsel ist dann eine Konvention — und muss zwischen Backtest und Live identisch gesetzt sein.
Wie man es sauber testet
Zuerst ohne Zeitfilter testen und die Ergebnisse nach Stunde, Wochentag und Session aufschlüsseln. Dann prüfen, ob die schwachen Fenster eine gemeinsame strukturelle Eigenschaft haben — typischerweise niedrige Liquidität oder hohe relative Kosten. Falls ja, wird der Filter über diese Eigenschaft formuliert, nicht über die Uhrzeit. Ein bedingter Filter („nur handeln, wenn die Marktbedingung erfüllt ist") ist einem starren Zeitfenster fast immer überlegen, weil er sich mit dem Markt mitbewegt.
Anschließend gilt dieselbe Disziplin wie bei jedem anderen Parameter: getrennte Testperioden, Prüfung auf einem unberührten Datenabschnitt, danach Papierbetrieb, erst dann kleine Größen im Live-Betrieb.
Was der Filter nicht leistet
Ein Zeitfenster repariert keine Strategie ohne Erwartungswert. Es reduziert die Anzahl der Ausführungen — und damit auch die Datenbasis, auf der bewertet wird. Wer von 2.000 auf 300 Trades im Test fällt, hat weniger statistische Sicherheit, nicht mehr. Genau deshalb sollte jeder Filter mit der Frage abgeschlossen werden, ob nach seiner Anwendung noch genug Beobachtungen übrig sind, um überhaupt eine Aussage zu treffen.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung, Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Der Handel mit Finanzinstrumenten ist mit erheblichen Risiken bis zum Totalverlust verbunden. Vergangene Ergebnisse und Backtests lassen keine Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen zu.