Beschaffung

Lohnfertigung oder eigene Produktion: Wann sich Inhouse rechnet

Lohnfertigung ist bequem und planbar. Eigene Produktion bindet Kapital — und gibt Marge, Tempo und Kontrolle über die Rezeptur zurück. Wo genau der Break-Even liegt.

Autor Julien MarschallVeröffentlicht 2026-07-14Lesezeit 7 Min.

Fast jeder Hersteller von Nahrungsergänzung, Tierpräparaten oder pharmazeutischen Kleinserien startet mit einem Lohnfertiger. Das ist richtig so: Ohne Volumen ist eine eigene Anlage betriebswirtschaftlicher Unsinn. Die Frage ist nicht, ob Lohnfertigung falsch ist — sondern ab wann sie teuer wird.

Was Lohnfertigung wirklich kostet

Der Stückpreis auf dem Angebot ist nur ein Teil der Rechnung. Dazu kommen:

  • Mindestchargen. Viele Lohnfertiger produzieren erst ab 100 bis 500 kg Mischung. Wer weniger braucht, zahlt Leerkapazität mit.
  • Rüstkosten pro Auftrag. Werkzeugwechsel und Reinigung werden umgelegt — bei kleinen Chargen dominieren sie den Stückpreis.
  • Vorlaufzeit. Sechs bis zwölf Wochen sind marktüblich. Das heißt: Sie disponieren auf Verdacht und binden Kapital im Lager.
  • Rezeptur-Abhängigkeit. Jede Anpassung kostet einen neuen Musterlauf und Wochen.

Der teuerste Posten steht in keinem Angebot: verlorenes Tempo. Wer eine neue Variante testen will und zwölf Wochen wartet, verliert Marktfenster.

Die Break-Even-Rechnung

Rechnen Sie ehrlich mit vier Blöcken.

  • Investition: Presse, Werkzeug, Mischer, Entstauber, Metalldetektion, ggf. Klimatisierung des Raums.
  • Laufende Fixkosten: Personal, Wartung, Verschleißteile (Stempel und Matrizen sind Verbrauchsmaterial), Qualifizierung, Dokumentation, Raum.
  • Variable Kosten: Rohstoffe, Energie, Ausschuss in der Anlaufphase.
  • Ersparnis: Differenz zwischen Lohnfertiger-Stückpreis und eigenen Vollkosten pro Tablette.

Als Faustformel: Break-Even = (Investition + jährliche Fixkosten) ÷ (Ersparnis pro Tablette). Wer bei einer Ersparnis von 0,4 Cent pro Tablette und 120.000 Euro Gesamtkosten im ersten Jahr liegt, braucht 30 Millionen Tabletten, um schwarze Null zu erreichen. Klingt viel — eine mittlere Rundläuferpresse schafft das in wenigen Wochen Laufzeit. Der Engpass ist nie die Maschine, sondern Ihr Absatz.

Die Maschine ist nie der Engpass. Der Absatz ist es. Erst rechnen, dann kaufen.

Wann Inhouse klar gewinnt

  • Sie fahren mehrere Rezepturen und wollen schnell iterieren.
  • Ihr Produkt ist ein Alleinstellungsmerkmal, das Sie nicht offenlegen wollen.
  • Sie brauchen kurze Wiederbeschaffungszeiten, weil Ihre Nachfrage schwankt.
  • Ihr Jahresvolumen liegt stabil oberhalb der Break-Even-Schwelle.

Wann Lohnfertigung die bessere Entscheidung bleibt

Wenn Ihr Produkt noch nicht validiert ist, wenn das Volumen schwankt, wenn Sie regulatorisch (GMP, Qualifizierung, Chargendokumentation) noch nicht aufgestellt sind — dann kaufen Sie sich mit dem Lohnfertiger genau die Kompetenz, die Sie sonst über Jahre aufbauen müssten. Auch die stille Kostenposition Qualitätsverantwortung bleibt beim Fertiger. Das ist Geld wert.

Der Zwischenweg, den viele übersehen

Hybrid fahren: Serienvolumen extern, Entwicklung und Kleinserien intern. Eine Exzenterpresse oder ein kleiner Rundläufer kostet einen Bruchteil einer Produktionslinie und gibt Ihnen die Fähigkeit, Rezepturen selbst zu pressen, Presskraft und Härte auszuloten und Muster in Tagen statt Wochen zu liefern. Wenn ein Produkt dann skaliert, geht es mit fertigen Parametern zum Lohnfertiger — oder auf die eigene große Anlage.

Die Fragen vor der Investition

  • Wie viele Tabletten setze ich in den nächsten 24 Monaten realistisch ab?
  • Habe ich Personal, das die Anlage fährt, einstellt und dokumentiert?
  • Erfülle ich die regulatorischen Anforderungen für meine Produktkategorie?
  • Sind Ersatzteile und Werkzeug für die Maschine kurzfristig verfügbar?

Fazit

Lohnfertigung ist der richtige Start und bleibt bei schwankendem Volumen die günstigere Wahl. Sobald Sie stabil skalieren, mehrere Rezepturen fahren oder Tempo brauchen, kippt die Rechnung — dann kostet die Bequemlichkeit mehr als die Maschine. Der sauberste Weg führt über die eigene Kleinserien-Presse, die Ihnen Wissen und Geschwindigkeit gibt, bevor Sie groß investieren.

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Häufige Fragen

Ab welchem Volumen lohnt sich eine eigene Tablettenpresse?
Das hängt von der Ersparnis pro Tablette ab. Rechnen Sie: (Investition + jährliche Fixkosten) geteilt durch die Ersparnis je Tablette. Ergibt sich eine Menge, die Sie in 12 bis 24 Monaten sicher absetzen, trägt sich die Anlage.
Was wird bei der Break-Even-Rechnung am häufigsten vergessen?
Werkzeugverschleiß, Reinigungs- und Rüstzeiten, Dokumentationsaufwand und die Anlaufphase mit erhöhtem Ausschuss. Diese Posten verschieben den Break-Even oft um Monate.