Betrieb & Effizienz

OEE steigern: Verfügbarkeit, Leistung und Qualität der Tablettenpresse

Die meisten Tablettenpressen laufen weit unter ihrem Potenzial — nicht weil die Maschine zu klein ist, sondern weil Rüstzeiten, Mikrostopps und Ausschuss die Ausbringung auffressen. Wie die OEE diese Verluste sichtbar macht und wo die größten Hebel liegen.

Autor Julien MarschallVeröffentlicht 2026-08-14Lesezeit 7 Min.

Wer über eine größere Presse nachdenkt, sollte zuerst eine Zahl kennen: die Gesamtanlageneffektivität (OEE, Overall Equipment Effectiveness) der vorhandenen Maschine. Sie beantwortet die Frage, wie viel von der theoretisch möglichen Produktion tatsächlich als verkaufsfähige Tablette vom Auslauf kommt. In vielen Tablettierbetrieben liegt dieser Wert zwischen 40 und 60 Prozent — die „fehlende" Kapazität steht also bereits in der Halle, sie wird nur nicht genutzt.

Die Formel: drei Faktoren, ein Produkt

Die OEE ist das Produkt aus drei Faktoren, jeweils als Anteil zwischen 0 und 1:

  • Verfügbarkeit: tatsächliche Laufzeit geteilt durch geplante Produktionszeit. Hier schlagen Rüsten, Reinigung, Störungen und Wartezeiten auf Material oder Freigaben zu.
  • Leistung: Ist-Ausbringung geteilt durch theoretische Ausbringung bei Nenndrehzahl. Hier verstecken sich reduzierte Drehzahlen und Mikrostopps.
  • Qualität: Gutmenge geteilt durch produzierte Gesamtmenge. Anfahrverluste, aussortierte Tabletten und verworfene Teilchargen zählen als Verlust.

Ein Rechenbeispiel: Eine Presse mit 200.000 Tabletten pro Stunde Nennleistung ist an einem 8-Stunden-Tag nur 5,5 Stunden im Lauf (Verfügbarkeit 69 %), läuft dabei im Schnitt mit 160.000 Tabletten pro Stunde (Leistung 80 %) und produziert 3 % Ausschuss (Qualität 97 %). Die OEE beträgt 0,69 × 0,80 × 0,97 = rund 53 Prozent. Von 1,6 Millionen theoretisch möglichen Tabletten kommen etwa 850.000 gute an — der Rest ist Verlust, den keine Monatsstatistik einzeln ausweist.

Wo die Verluste an der Tablettenpresse wirklich entstehen

Verfügbarkeit: Der größte Einzelposten ist fast immer der Produkt- und Formatwechsel inklusive Reinigung. Wer drei Wechsel pro Woche à vier Stunden fährt, verliert zwölf Stunden Laufzeit — pro Jahr mehrere Produktionswochen. Leistung: Mikrostopps sind der unterschätzte Killer: kurze Unterbrechungen durch Brückenbildung im Fülltrichter, klemmende Stempel, ansprechende Überlastsicherung. Einzeln dauern sie Sekunden, in Summe kosten sie oft mehr als die Rüstzeiten — und tauchen in keinem Schichtprotokoll auf. Dazu kommt die bewusst reduzierte Drehzahl, wenn ein Pulver bei Nenngeschwindigkeit nicht mehr sauber dosiert. Qualität: Anfahrausschuss beim Einregeln von Gewicht und Härte sowie Sortierverluste durch Deckeln oder Kantenabrieb.

Die OEE ersetzt Diskussionen durch Daten: Statt „die Presse schafft das nicht" zeigt sie, ob das Problem im Rüsten, im Pulver oder im Ausschuss liegt — und welcher Hebel zuerst Geld bringt.

Messen ohne Projektbudget

Für den Einstieg braucht es keine MES-Software. Drei Datenquellen genügen: das Schichtprotokoll (geplante Zeit, Stillstandsgründe), der Stückzähler der Presse (produzierte Menge) und die IPC- bzw. Sortierdaten (Gutmenge). Eine Wochenauswertung in der Tabellenkalkulation reicht, um die Verlustpyramide zu sehen. Wichtig ist die ehrliche Kategorisierung der Stillstände: „Rüsten", „Reinigung", „Störung", „Warten auf Material", „Warten auf Freigabe" — erst die Gründe machen die Zahl handlungsfähig. Moderne Steuerungen liefern Laufzeit und Taktzahlen ohnehin frei Haus.

Die Hebel in sinnvoller Reihenfolge

  • Rüstzeiten systematisch senken: Werkzeugsätze vorbereiten, externe Rüstschritte vom Maschinenstillstand entkoppeln, Reihenfolge der Aufträge nach Reinigungsaufwand planen.
  • Mikrostopps protokollieren: Eine Woche lang jeden Kurzstopp mit Ursache erfassen. Häufig lösen Fließhilfen, angepasste Rührflügeldrehzahl oder Werkzeugpflege den Großteil.
  • Anfahrverluste reduzieren: dokumentierte Einstellparameter je Produkt statt Einregeln nach Gefühl — der zweite Anlauf beginnt dann dort, wo der letzte gute Lauf endete.
  • Erst dann über Drehzahl reden: Wer stabil läuft, kann die Geschwindigkeit schrittweise anheben; wer instabil läuft, erkauft sich mit Drehzahl nur mehr Ausschuss.

Was das wirtschaftlich bedeutet

Im Beispiel oben hebt allein die Halbierung der Rüst- und Stoppzeiten die OEE von 53 auf gut 65 Prozent — rund 190.000 zusätzliche gute Tabletten pro Tag auf derselben Maschine, ohne Investition in eine neue Presse. Erst wenn die OEE ausgereizt ist und der Bedarf weiter wächst, ist der nächste Schritt eine größere Maschine oder ein Multi-Tip-Werkzeug. Wie sich Rüstzeiten konkret verkürzen lassen, zeigt der Beitrag zu SMED und Formatwechsel in der Tablettierung.

Tablettenpresse gesucht?

Geprüfte Maschinen, Werkzeuge und Beratung aus einer Hand — vom Labor bis zur Serienproduktion.

Zum Live-Shop →

Häufige Fragen

Was ist ein guter OEE-Wert für eine Tablettenpresse?
Werte von 85 Prozent gelten branchenübergreifend als Weltklasse. In der Tablettierung mit häufigen Format- und Produktwechseln liegen reale Werte oft zwischen 40 und 60 Prozent — genau darin steckt das Potenzial.
Brauche ich Software, um die OEE zu messen?
Nein. Für den Start genügen Schichtprotokoll, Zählerstand der Presse und Ausschussmenge. Moderne Steuerungen liefern Laufzeiten und Stückzahlen frei Haus; eine Excel-Auswertung pro Woche deckt die größten Verluste bereits auf.
Was bringt mehr: höhere Drehzahl oder weniger Stillstand?
Fast immer weniger Stillstand. Höhere Drehzahl verschärft bei kritischen Pulvern Gewichtsstreuung und Ausschuss, während reduzierte Rüst- und Stoppzeiten die Ausbringung erhöhen, ohne den Prozess zu destabilisieren.