An einer Rundläuferpresse laufen Stempelköpfe über Kurvenbahnen, Führungen bewegen sich in Bohrungen, Antriebe übertragen Last. Alle diese Stellen brauchen einen Schmierfilm. Gleichzeitig liegen einige davon nur wenige Zentimeter vom produktberührten Bereich entfernt. Damit ist Schmierung an einer Tablettenpresse keine reine Instandhaltungsfrage, sondern auch eine Frage der Produktsicherheit.
H1: was die Freigabe bedeutet — und was nicht
Für Bereiche, in denen ein technisch unvermeidbarer, gelegentlicher Kontakt mit dem Produkt möglich ist, werden Schmierstoffe mit H1-Registrierung eingesetzt. Die Freigabe bedeutet, dass ein zufälliger Eintrag in sehr geringer Menge toleriert wird. Sie bedeutet ausdrücklich nicht, dass der Schmierstoff ins Produkt gelangen darf.
Das ist ein wichtiger Unterschied, weil H1 im Betrieb gelegentlich als Freibrief missverstanden wird. Richtig ist die umgekehrte Lesart: H1 ist die Absicherung für den Fall, dass trotz korrekter Konstruktion und Dosierung etwas passiert — nicht die Erlaubnis, unsauber zu arbeiten.
- H1: zulässig, wo gelegentlicher Produktkontakt technisch nicht ausgeschlossen ist.
- H2: nur, wo Produktkontakt konstruktiv ausgeschlossen ist.
- Trennung im Haus: H1- und H2-Gebinde getrennt lagern, eindeutig kennzeichnen, eigene Pressen und Pinsel verwenden.
Der häufigste Befund bei internen Audits ist nicht der falsche Schmierstoff, sondern die fehlende Trennung: eine H2-Fettpresse, die einmal im Oberbereich eingesetzt wurde, weil sie gerade griffbereit lag. Dokumentierte Werkzeugzuordnung löst das Problem billiger als jede nachträgliche Untersuchung.
Die Schmierstellen und ihre Logik
Die Schmierstellen einer Presse lassen sich in drei Gruppen einteilen, die unterschiedlich behandelt werden müssen. Im Oberbereich liegen Stempelköpfe, Kurvenbahnen und Stempelführungen — hier gilt H1, hier wird sparsam dosiert und regelmäßig überschüssiges Fett entfernt. Im Unterbau liegen Antrieb, Lager und Getriebe, konstruktiv vom Produktraum getrennt; hier zählen Herstellerangabe und Intervall. Dazwischen liegen Dichtungen und Abstreifer, die keinen Schmierstoff brauchen, aber darüber entscheiden, ob ein Eintrag nach unten oder nach oben wandert.
Der Zustand dieser Dichtungen ist deshalb Teil der Schmierungsprüfung. Eine verschlissene Abstreiflippe verwandelt eine korrekt dosierte Schmierstelle in einen Kontaminationspfad — und das fällt bei der Sichtkontrolle des Fettes nicht auf, sondern erst am Produkt.
Dosiermenge: mehr ist der teurere Fehler
Ein Schmierfilm soll trennen, nicht füllen. Überschüssiges Fett wird durch die Bewegung nach außen gedrückt, sammelt Staub aus dem Tablettierraum und bildet eine Paste, die schleifend statt schmierend wirkt. Der Verschleiß steigt dadurch, obwohl mehr geschmiert wurde.
Praktisch bewährt sich die kleinste Menge, die einen durchgehenden Film erzeugt, in kurzem Intervall — statt einer großen Menge in langem Intervall. Bei Zentralschmieranlagen ist die eingestellte Dosis Teil der Anlagenparameter und gehört entsprechend dokumentiert und geprüft, nicht nach Gefühl nachgestellt.
Intervalle richtig ansetzen
Herstellerintervalle beziehen sich auf definierte Bedingungen. Wer bei hoher Drehzahl, mit abrasiven Pressmischungen oder in warmer Umgebung fährt, liegt darüber. Sinnvoll ist deshalb, das Intervall an Laufstunden zu koppeln und nach den ersten Wochen einmal zu überprüfen: Zustand des Films, Farbe, Fremdpartikel, Geräusch. Was dabei auffällt, korrigiert den Plan besser als jede Tabelle. Wie sich Verschleiß akustisch früh zeigt, beschreibt der Beitrag zu Vibration und Körperschall.
Eine eigene Regel gilt für Stillstände: Nach längerer Standzeit ist der Film ungleichmäßig verteilt, teilweise abgelaufen und hat Feuchtigkeit gezogen. Vor dem Wiederanlauf gehört deshalb geschmiert, nicht nach den ersten Betriebsstunden.
Reinigung und Formatwechsel
Beim Formatwechsel und bei der Reinigung wird Schmierstoff entfernt — beabsichtigt oder als Nebenwirkung von Lösemitteln und Reinigern. Deshalb gehört das Nachschmieren fest in den Rüstablauf, an eine definierte Stelle nach der Reinigung und vor dem Einfahren. Wird es dem Zufall überlassen, laufen die ersten Chargen nach jedem Wechsel trocken an, und der Verschleiß konzentriert sich genau auf diese Phase.
Dokumentation
Für die Nachvollziehbarkeit reichen wenige Angaben: verwendeter Schmierstoff mit Chargen- oder Gebindebezug, Schmierstelle, Menge oder Einstellung, Datum und ausführende Person. Dazu gehört das aktuelle Datenblatt mit der H1-Registrierung im Ordner. Diese Kombination beantwortet im Ernstfall die einzige Frage, die dann gestellt wird: Womit wurde geschmiert, wann, und war es freigegeben?
Wer Schmierung so behandelt, kauft sich zwei Dinge gleichzeitig — längere Standzeiten an Werkzeug und Kurvenbahn und einen Punkt weniger, der bei einer Abweichungsuntersuchung offenbleibt.