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Zerfallszeit und Löslichkeit: warum die Tablette zerfallen muss

Härte allein macht keine gute Tablette. Entscheidend ist, dass sie im Körper wieder zerfällt und den Wirkstoff freigibt. Zerfallszeit und Löslichkeit sind deshalb Kernkennzahlen jeder Tablettenproduktion.

Autor Julien MarschallVeröffentlicht 2026-07-17Lesezeit 6 Min.

Eine Tablette ist ein Kompromiss: fest genug, um Transport und Handhabung zu überstehen, und zugleich so, dass sie im Magen-Darm-Trakt zerfällt und den Wirkstoff freisetzt. Wird nur auf Bruchfestigkeit optimiert, entsteht ein Presskörper, der zwar stabil ist, aber zu langsam zerfällt — und damit seine Wirkung verfehlt.

Zerfall und Freisetzung sind nicht dasselbe

Die Zerfallszeit misst, wie schnell eine Tablette in kleine Partikel zerfällt. Die Wirkstofffreisetzung (Dissolution) misst, wie schnell der Wirkstoff daraus in Lösung geht. Eine Tablette kann rasch zerfallen und den Wirkstoff trotzdem langsam freigeben, wenn dieser schwer löslich ist. Beide Prüfungen gehören deshalb zusammen.

Was den Zerfall steuert

  • Sprengmittel (Disintegrantien), die im Kontakt mit Wasser aufquellen und die Tablette auseinandertreiben
  • Pressdruck und daraus resultierende Härte und Porosität
  • Bindemittel und die Menge an hydrophoben Hilfsstoffen wie Schmiermittel
  • Ein Überzug, der den Zerfall gezielt verzögern oder magensaftresistent machen kann

Zu viel Schmiermittel macht die Tablette wasserabweisend — sie bleibt hart, statt zu zerfallen. Ein häufiger, unsichtbarer Fehler.

Der Zielkonflikt mit dem Pressdruck

Höherer Pressdruck erhöht die Härte und senkt die Friabilität, kann aber die Porosität so weit reduzieren, dass Wasser schlechter eindringt und der Zerfall länger dauert. Es gibt daher ein Fenster: hart genug für die Handhabung, porös genug für den Zerfall. Dieses Fenster findet man nicht durch Raten, sondern durch eine Reihe an Pressversuchen mit Messung von Härte, Friabilität und Zerfallszeit.

Rezeptur schlägt Maschine

Viele Zerfallsprobleme entstehen nicht an der Presse, sondern in der Mischung. Ein gut gewähltes Sprengmittel in der richtigen Menge und Position — intern, extern oder geteilt — entscheidet oft mehr über den Zerfall als der Pressdruck. Die Maschine setzt nur um, was die Rezeptur vorgibt.

Prüfung als Teil der Freigabe

Zerfallszeit und Dissolution sind in der pharmazeutischen Produktion feste Prüfpunkte und gehören zur Chargenfreigabe. Auch bei Nahrungsergänzungsmitteln lohnt die Zerfallsprüfung, weil ein Produkt, das nicht zerfällt, seinen Zweck nicht erfüllt — unabhängig davon, wie sauber es gepresst ist. Wer diese Werte im Prozess mitführt, erkennt Abweichungen früh, bevor eine ganze Charge betroffen ist.

Der Überzug als Steuerung des Zerfalls

Ein Filmüberzug ist nicht nur Optik. Er kann den Zerfall gezielt beeinflussen: Ein magensaftresistenter Überzug verhindert, dass die Tablette bereits im Magen zerfällt, und gibt den Wirkstoff erst im Darm frei. Retardierende Überzüge verzögern die Freisetzung über Stunden. Wer solche Effekte will, muss den Überzugsprozess ebenso beherrschen wie das Pressen — die beste Kern-Rezeptur nützt wenig, wenn der Überzug ungleichmässig aufträgt.

Zerfall über die Lagerzeit

Der Zerfall ist kein fixer Wert, sondern kann sich über die Haltbarkeit verändern. Feuchtigkeit, Temperatur und die Alterung von Hilfsstoffen können dazu führen, dass eine Tablette nach Monaten langsamer zerfällt als frisch produziert. Deshalb gehört die Zerfallsprüfung nicht nur an den Produktionsstart, sondern auch in die Stabilitätsprüfung. Eine geeignete Verpackung, die Restfeuchte fernhält, schützt den Zerfall über die gesamte Lagerdauer.

Kurz: Eine Tablette ist erst dann gut, wenn sie sich zum richtigen Zeitpunkt selbst wieder auflöst.

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Häufige Fragen

Warum zerfällt eine harte Tablette manchmal gar nicht?
Meist liegt es an zu viel hydrophobem Schmiermittel oder zu geringer Porosität durch hohen Pressdruck. Beides verhindert, dass Wasser eindringt und das Sprengmittel wirkt.
Ist Zerfallszeit gleich Wirkung?
Nein. Der Zerfall ist die Voraussetzung, die tatsächliche Wirkung hängt von der Wirkstofffreisetzung und der Löslichkeit des Wirkstoffs ab. Beide Kennzahlen werden getrennt geprüft.